4.Der Beruf des
Therapeuten (1)
„Zunächst also einige Grundgedanken über den
Beruf des Therapeuten:Der Patient sucht vielleicht in seiner Krise sinnvolle
Wege, die ihn aus der Krise herausführen mögen. Ob diese Wege partout richtig
sind oder falsch, darf der Therapeut in der Regel nicht beurteilen. Wohin der
Weg auch gehen mag: der Therapeut muß vor allem begleiten, aber er darf auch
vorsichtig mahnen, wenn er den Weg für gefährlich und nicht hilfreich hält.
Damit ist die Wichtigkeit einer interaktiven Beziehung zwischen Patient und
Therapeut als Basis herausgestellt: Therapie darf nie und nimmer
theoriegesteuert sein, sondern beziehungsgesteuert.“ – „Aber Menschen gehen
doch auch deswegen zum Therapeuten, weil dieser einer bestimmt Theorie anhängt,
zum Tiefenpsychologen beispielsweise.“ – „Wer nur diesen theoretischen Weg
folgt, verliert den Menschen, den er
begleiten möchte.“ – „Aber es muß doch eine Distanz zwischen Therpeut und
Patient geben!“ „Muß es das wirkklich
angesichts der Tatsache, dass Therapeut und Patient mit den gleichen
Lebenstatsachen konfrontiert sind, mit dem Tod zum Beispiel oder dem Gedanken
der Schuld. Und was die Schuld betrifft, so müssen Patient und Therapeut sehr
vorsichtig mit dem Begriff sein, denn Schuld hat mit Absicht zu tun. Und wer
will denn absichtlich sich oder einem anderen Menschen schaden. Bleiben wir bei
der Parallele zwischen Arzt und Patient. Da sie mit denselben Lebenstatsachen
konfrontiert sind, sind sie Reisegefährten (Yalom) oder Weggefährten.“
„Du nennst dich
einen existentiellen Therapeuten. Der Begriff stammt nicht von dir, nicht wahr?
– „Den Begriff habe ich von Yalom übernomen, weil ich mich nicht wie Freud auf
die Vergangenheit und die Mängel und Defizite dieser Zeit konzentriere....“ –
„Aber die sind doch so wichtig!“ – „Sie sind wichtig, aber nicht so sehr.
Wichtiger sind die Gegebenheiten des Jetzt, die jetzige Situation des
Patienten. Und heilend ist die Beziehung zum Therapeuten, der durch Nähe,
Empathie dem Patienten begegnet, um dessen Sinnverlust und Lähmungen, zum Beispiel bei
Entscheidungen,zu heilen. Noch enmal: Heilen muß er oder sie sich selbst, aber
er oder sie dürfen vom Therapeuten auf deren Weg nicht allein gelassen werden.“
– „Der Therapeut als Mutter oder Vater, und der Patient als Kind?“ – „Von mir
aus in diesen Worten, denn es geht um das Sicherheitsbedürfnis, es geht um
Angst-Reduzierung, es geht um Akzeptanz und Sicherheit.“
5. Der Beruf des
Therapeuten (2)
„Du kannst als Therapeut nicht alle Konflikte
oder Konfrontationen eines Patienten lösen. „ _ „Da magst du Recht haben, wobei
ich weiß, dass ich das nicht kann. Aber um möglichst viele Konflikte zu lösen.
muß ich möglichst viel wissen, muß wieder und wieder nachdenken über meine
Grenzen und Möglichkeiten, so bescheiden letztere auch sein mögen. Nach Yalom
bedeutet das, Kenntnis über die „letzten Dinge“ zu haben als da wären: Tod,
Freiheit, Isolation, Sinnlosigkeit.“ – „Und die Angst?“- „Sie scheint
dein und mein großes Thema zu sein. Sie
bestimmt unser Leben mehr und stärker als unsere Instinkte. Ansonsten wird
unsere Zukunft zur Vergangenheit und nicht zur Gegenwart. Letztlich geht es um
die Wahrheit, so schmerzhaft sie sein mag, und nicht um Verdrängung.“- „Das
kann dazu führen, dass du verrückt wirst, wenn du dich permanent mit den schrecklichen existentiellen Dingen wie
der Angst beschäftigst.“ – „Don Quichote fragte einmal: „Welches von beiden
möchtest du haben: weise Verrücktheit oder närrische Gesundheit?“ Der Kardinal
schwieg. Viktor erklärte: „Den Schmerz mußt du als Therapeut aushalten, wenn du
dich mit den Folgen oder Gegebenheiten der Existenz beschäftigst. Aber es macht
dich gesund und den Patienten letztlich auch. Nur die Wahrheit hilft, was
bedeutet, dass du auch das Schlimmste betrachten und zu verstehen versuchen
mußt.“ – Der Kardinal schwieg erneut und meinte dann leise mehr zu sich denn zu
Viktor sprechend: „Das Wort „müssen“ habe ich bisher in Bereich der
katholischen Kirche angesiedelt und nicht in der Therapie.“ Viktor schmunzelte und antwortete: „Ein guter
kirchlicher Seelsorger ist immer auch ein guter Therapeut und ein wirklich
guter Therapeut weiß, dass er oder sie den Menschen ermutigen muß, sich der
eigenen Existenz zu stellen, diese anzuschauen, auch wenn das Resultat der Betrachtung
zunächst ein schrecklicher Anblick ist.“- „Aber lieber Viktor, du nimmst dem
Menschen, dem Patienten, seine Wahlmöglichkeit. Er oder sie könnte seine
Probleme nicht anschauen wollen.“ – „Ja, das könnte er, aber wenn er zu mir
kommt, dann akzeptiere ich ihm diese Wahlmöglichkeit nicht, auch weil die
Verweigerung der Wahlmöglichkeit auch eine Wahl ist. Ein Mensch, der gute Zwecke verfolgt, wert –
und sinnvoll leben möchte, verirrt sich nicht in meine Praxis oder ich
verweigere ihm das Gespräch mit mir.“ – „Wer soll denn in deine Praxis kommen?“
- „Menschen wie du, Menschen, die akzeptieren, dass ein existentieller
Therapeut nicht nach den Abweichungen von den Normen in dieser ver – rückten
Welt fragt, sondern nach seiner privaten Welt und Existenz.“
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