Mittwoch, 8. August 2012

.....weitere Kapitel, 4+5


4.Der Beruf des Therapeuten (1)

 „Zunächst also einige Grundgedanken über den Beruf des Therapeuten:Der Patient sucht vielleicht in seiner Krise sinnvolle Wege, die ihn aus der Krise herausführen mögen. Ob diese Wege partout richtig sind oder falsch, darf der Therapeut in der Regel nicht beurteilen. Wohin der Weg auch gehen mag: der Therapeut muß vor allem begleiten, aber er darf auch vorsichtig mahnen, wenn er den Weg für gefährlich und nicht hilfreich hält. Damit ist die Wichtigkeit einer interaktiven Beziehung zwischen Patient und Therapeut als Basis herausgestellt: Therapie darf nie und nimmer theoriegesteuert sein, sondern beziehungsgesteuert.“ – „Aber Menschen gehen doch auch deswegen zum Therapeuten, weil dieser einer bestimmt Theorie anhängt, zum Tiefenpsychologen beispielsweise.“ – „Wer nur diesen theoretischen Weg folgt, verliert  den Menschen, den er begleiten möchte.“ – „Aber es muß doch eine Distanz zwischen Therpeut und Patient geben!“  „Muß es das wirkklich angesichts der Tatsache, dass Therapeut und Patient mit den gleichen Lebenstatsachen konfrontiert sind, mit dem Tod zum Beispiel oder dem Gedanken der Schuld. Und was die Schuld betrifft, so müssen Patient und Therapeut sehr vorsichtig mit dem Begriff sein, denn Schuld hat mit Absicht zu tun. Und wer will denn absichtlich sich oder einem anderen Menschen schaden. Bleiben wir bei der Parallele zwischen Arzt und Patient. Da sie mit denselben Lebenstatsachen konfrontiert sind, sind sie Reisegefährten (Yalom) oder Weggefährten.“

„Du nennst dich einen existentiellen Therapeuten. Der Begriff stammt nicht von dir, nicht wahr? – „Den Begriff habe ich von Yalom übernomen, weil ich mich nicht wie Freud auf die Vergangenheit und die Mängel und Defizite dieser Zeit konzentriere....“ – „Aber die sind doch so wichtig!“ – „Sie sind wichtig, aber nicht so sehr. Wichtiger sind die Gegebenheiten des Jetzt, die jetzige Situation des Patienten. Und heilend ist die Beziehung zum Therapeuten, der durch Nähe, Empathie dem Patienten begegnet, um dessen Sinnverlust  und Lähmungen, zum Beispiel bei Entscheidungen,zu heilen. Noch enmal: Heilen muß er oder sie sich selbst, aber er oder sie dürfen vom Therapeuten auf deren Weg nicht allein gelassen werden.“ – „Der Therapeut als Mutter oder Vater, und der Patient als Kind?“ – „Von mir aus in diesen Worten, denn es geht um das Sicherheitsbedürfnis, es geht um Angst-Reduzierung, es geht um Akzeptanz und Sicherheit.“

 5. Der Beruf des Therapeuten (2)

 „Du kannst als Therapeut nicht alle Konflikte oder Konfrontationen eines Patienten lösen. „ _ „Da magst du Recht haben, wobei ich weiß, dass ich das nicht kann. Aber um möglichst viele Konflikte zu lösen. muß ich möglichst viel wissen, muß wieder und wieder nachdenken über meine Grenzen und Möglichkeiten, so bescheiden letztere auch sein mögen. Nach Yalom bedeutet das, Kenntnis über die „letzten Dinge“ zu haben als da wären: Tod, Freiheit, Isolation, Sinnlosigkeit.“ – „Und die Angst?“- „Sie scheint dein  und mein großes Thema zu sein. Sie bestimmt unser Leben mehr und stärker als unsere Instinkte. Ansonsten wird unsere Zukunft zur Vergangenheit und nicht zur Gegenwart. Letztlich geht es um die Wahrheit, so schmerzhaft sie sein mag, und nicht um Verdrängung.“- „Das kann dazu führen, dass du verrückt wirst, wenn du dich permanent mit  den schrecklichen existentiellen Dingen wie der Angst beschäftigst.“ – „Don Quichote fragte einmal: „Welches von beiden möchtest du haben: weise Verrücktheit oder närrische Gesundheit?“ Der Kardinal schwieg. Viktor erklärte: „Den Schmerz mußt du als Therapeut aushalten, wenn du dich mit den Folgen oder Gegebenheiten der Existenz beschäftigst. Aber es macht dich gesund und den Patienten letztlich auch. Nur die Wahrheit hilft, was bedeutet, dass du auch das Schlimmste betrachten und zu verstehen versuchen mußt.“ – Der Kardinal schwieg erneut und meinte dann leise mehr zu sich denn zu Viktor sprechend: „Das Wort „müssen“ habe ich bisher in Bereich der katholischen Kirche angesiedelt und nicht in der Therapie.“  Viktor schmunzelte und antwortete: „Ein guter kirchlicher Seelsorger ist immer auch ein guter Therapeut und ein wirklich guter Therapeut weiß, dass er oder sie den Menschen ermutigen muß, sich der eigenen Existenz zu stellen, diese anzuschauen, auch wenn das Resultat der Betrachtung zunächst ein schrecklicher Anblick ist.“- „Aber lieber Viktor, du nimmst dem Menschen, dem Patienten, seine Wahlmöglichkeit. Er oder sie könnte seine Probleme nicht anschauen wollen.“ – „Ja, das könnte er, aber wenn er zu mir kommt, dann akzeptiere ich ihm diese Wahlmöglichkeit nicht, auch weil die Verweigerung der Wahlmöglichkeit auch eine Wahl ist.  Ein Mensch, der gute Zwecke verfolgt, wert – und sinnvoll leben möchte, verirrt sich nicht in meine Praxis oder ich verweigere ihm das Gespräch mit mir.“ – „Wer soll denn in deine Praxis kommen?“ - „Menschen wie du, Menschen, die akzeptieren, dass ein existentieller Therapeut nicht nach den Abweichungen von den Normen in dieser ver – rückten Welt fragt, sondern nach seiner privaten Welt und Existenz.“


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