Mittwoch, 12. Dezember 2012

...Kapitel 17-20



17.Konrads Kinderangst
 
„Hängt es damit zusammen, dass ich so früh von meinen Eltern verstoßen, verlassen wurde, dass ich von der Todesangst gebeutelt werde?“ fragte der Kardinal. Sie saßen auf der Terasse, tranken den roten Wein von Aguamansa, naschten ein wenig Schinken und Käse. Sie bem bemerkten, dass sich eine dunkle Wolke näherte. „Es wird gleich regnen“, meinte der Kardinal. „Mag sein, aber ich glaube es nicht.“ Nach dem Verzehr der Forelle bei einem Täschen Cortado antwortete Viktor auf Konrad’s Anfangsfrage mit einer Gegenfrage: „Hast du dich als  stark mit dem Tod beschäftigt?“ – „Beschäftigen sich Kinder überhaupt mit dem Tod oder sogar stark mit dem Tod?“ Viktor nickte. „Kinder haben ein großes Interesse am Tod, sicherlich ein anderes Interesse als wir Erwachsene. Für Kinder ist der Tod ein Rätsel, das sie entweder verdrängen oder sie in eine Hilflosigkeit treiben läßt. Normale Kinder sprechen oft vom Tod  oder spielen ihn...“ – „Als Cowboy Kind im Kölner Karneval hatte ich eine Pistole mit der ich Leute „abknallte“ – „So nun hast du doch eine Erinnerung an den Tod, allerdings noch fern von der Realität. Nur Kinder, die das Sterben eines geliebten Menschen oder Tieres hautnah miterleben mußten oder selbst sterbenskrank sind, Leukämiekinder zum Bespiel), die sind näher an der Realität.“ – „Für mich war es ein Trost als Kind, dass die von mir totgschossenen Leute nicht tot umfielen.“ – „Was bedeutet: du hast den Tod verleugnet.“ – „Bestimmt! Der Tatsache des Todes wollte ich nicht ins Auge schauen.“ – „Du willst es bis heute noch nicht, dabei ist die Bejahung des Todes deine, unsere große Chance.“ – „Ich versteh dich immer noch nicht.“ – „NOCH nicht. Habe noch ein wenig Geduld.“ Konrad sah seinen Freund liebevoll und gedankenverloren an. „ Viktor, natürlich später in meinem Beruf habe ich mich oft gefragt, wohin die Gestorbenen gehen.“ – „Sie sind tot, also werden sie nicht gehen. Und du als hochranginger Theologe als Karinal, hast doch die Antwort dutzendfach gegeben: in den Himmel, heißt es so nebulös.“ Der Kardinal schwieg.Später auf der Rückfahrt nach Puerto sagte er leise: „Auch daran glaube ich schon lange nicht mehr.“ – „Wie viele andere deiner Glaubensbrüder  und Glaubensschwestern auch nicht. Dazu gibt es einen  netten Witz: Ein Pfarrer schlägt fühmorgens die Tageszeitung auf und liest seine eigene Todesanzeige. Er springt auf und ruft den Bischof an, um den Irrtum zu korrigieren: Hier ist Pfarrer Müller...  .... Stopp, Stopp! schreit der Bischof, von wo  rufen Sie an?“ Konrad und Viktor lachten und waren so nahe bei Gott.

 
18.Kinder und der Tod (1)

Sie  saßen auf der Terasse des Riehmschen Haus und schauten auf den Loro Parque und den Antlantik. „Noch als Jugendlicher, so mit 10,11 Jahren, so erinnere ich mich, habe ich nachts mit dem Kopf ganz dich und hautnah am Kopfende des Bettes gelegen, geschlafen  und den Rahmen gespürt, vielleicht weil ich dachte: wenn ich nicht mehr wachse (und daran sollte mich wohl das Brett im Bett hindern) werde ich auch nicht alt werden und nicht sterben müssen.“ Der Kardinal schwieg und fuhr dann fort: „Jetzt, es ist merkwürdig, fällt mir noch etwas zum Thema Tod ein. Als ich in diesem kirchlichen Internat war, ganz zu Anfang, da habe ich in meiner Verzweiflung laut in der Kirchge gebetet: Lieber Gott lass mich niemals sterben! Ich dachte, ich wäre allein im Gotteshaus, aber ich hörte jemanden laut lachen.“ –„Braucht Gott ein Haus?“ – „Mach dich nicht lustig über mich, Viktor.“ –„Entschuldige, bitte. Um auf dein Gebete zurückzukommen: es ist bekannt, dass viele viele Kinder jung bleiben wollen, da sie Altwerden mit dem Tod in Verbindung bringen. Ich glaube, dass der wichtigste Begriff im Zusammenhang mit dem Todesgedanken bei Kindern die Abwesenheit ist. Eltern verreisen oder geben Kinder zur Adoption frei etc. Konrad, schau dir dieses kleine Kind dort hinten am Eingang an, das Kind im Kinderwagen. Es hat schon mindestens viermal diese Puppe aus dem Kinderwagen geworfen. Der Vater hat sie aufgehoben. Nun macht es das Kind derneut. Weder Vater noch Mutter heben es auf. Das Kind wird nun zu weinen anfangen.“ – „Warum, weil es seinen Willen nicht erfüllt bekommt?“ – „Vielleicht, es könnte aber auch sein, dass das Kind  trainiert, die Abwesenheit zu ertragen, den Tod. Die Puppe fällt aus dem Kinderwagen, ist aus dem Blickfeld verschwunden und taucht durch die Hand des Vaters wieder auf, wie es viemal zuvor erlebt hat. Dass das Abwesende, wie die Eltern im Regelfall wieder auftaucht, bedeutet für das Kind, dass es den Tod, so wie wir Erwachsene ihn kennen, nicht gibt. Das Abwesende soll wieder erscheinen. Der Tote ist für das Kind nicht für immer verschwunden; er oder sie könnte wieder auftauchen.“ – „Diese Erklärung leuchtet mir ein. Bei mir im Internat wurde weder privat noch im Unterricht viel über den Tod geredet, selbst als wir Thornton Wilders „Death of a Salesman“  lasen ein. Vielleicht wollten sie uns schonen.“  - „Sie haben euch geschadet mit ihrem Schweigen. Was das Thema „Kind und Tod“ betrifft, fällt mir noch etwas ein, was mich und sicherlich auch dich betrifft, unsere Kindheit nämlich. Ich, der Viktor, hatte Angst vor Gespenstern oder vor Ungeheuern. Waum hatten wir, also du und ich, Angst? Weil wir aufgefressen oder geraubt werden könnten. Auffressen, das ist ein Todesgedanke. Geraubt werden, das ist der andere Tod durch das Verschwinden der Eltern. Deutlich wurde mir das, als ich Ursula Wölfels Geschichte „Der Nachtvogel“ las und wenn ich an meines geliebten Sohn Torsten denke, der als Kind Angst vor einem Krokodil unter seinem Bett hatte und partout in unserem Bett schlafen wollte, damals in der Zeit, als meine Ehe mit E. sich dem Ende entgegen neigte.“ – „Warum hast du dich getrennt, darf ich das fragen?“ – „Du arfst mich fragen, aber ich muß dir nicht antworten, weil ich das jetzt nicht will.“


  1. Death of a Salesman

Am Abend gingen sie zu Fuß vom Maritim die neue steile Straße hoch ins „Kloster“, dem wunderschönen auf dem Hügel liegenden Restaurant „Monasterio“. Sie bestellten einen Krug Bier,frisch gebackenes Brot und 2 Meter gebratene Wurst. „Kennst du das Schauspiel „Death of an Salesman?“ fragte der Kardinal. – „Ich habe es damals mit meinen Schülern in der Albert Schweizer Realschule auf Englisch gelesen und mindens zweimal im Theater auf Deutsch angeschaut. Ich mag den Titelhelden, den Willy Loman, sehr und auch die Botschaft des Stückes, die philosophische Botschaft, nicht die politische. Ich mag es, wie Willy sein Familie, seine Söhne, schüzen will, indem er das Thema Tod nicht direkt anspricht. Er kommt mir vor wie manche Eltern oder Erwachsene, die ihr Kind schonen wollen, um seine Ängste, den Tod betreffend nicht zu verstärken. Ihr Schweigen verstärkt aber im Gegenteil die Ängste des Kindes, weil es die Vermeidung spürt. Es unterdrückt nun das Thema Tod. und schleppt diese Ungewissheit bis in Alter mit sich rum, wie Du.“ – „Was hätte Willy Loman denn tun sollen?“ – „Nicht verdrängen oder verleugnen, nicht den Himmel oder Gott, die Auferstehung und das ewige Leben als Besänftigungsmöglichkeit ins Spiel bringen, sondern die Realität.“ -  „Und wie soll das geschehen?“  Vktor dachte lange nach, bevor er sprach: „Nun, zum Beispiel dadurch, zu erklären, dass der Tod ein Natugesetz, ein einheitlich gültiges und ganz und gar unpersönliches, ist, wie schon Piaget erklärte.“ – „Und das soll einem Kind helfen?“ Viktor nickte. „Auf jeden Fall hätte es dazu beigtragen, das Problem von Willy Loman zu reduzieren, seinen eigenen Umgang mit seinem Tod.“ Pause. „Laß mich überlegen. Ich werde versuchen, auf unserem Rückweg, Dir weitere Antworten zu geben. Nein, eine Antwort möchte ich dir jetzt schon geben: Ich glaube nämlich, das es nicht die finanziellen Sorgen von Willy allein waren, die ihn zur Selbsttötung – ich mag das Wort „Selbstmord“ nicht – führten, sondern dass er seinen Eros und seine Libido nicht unbeschwert ausleben konnte. Die Vereinigung eines Paares, jener unbeschwerte Eros, wo zwei eins werden und der Spaltung, der VerZWEIflung, dem ZWIEspalt entrinnnen können, die Herstellung unbeschwerter erotischer Situationen, das hat Wilder versäumt, als Möglichkeit gegen die Selbsttötung zu nennen.“  - „Ich kenne die Welt des Eros nicht, geschweige denn die Welt eines unbeschwerten Eros“, flüsterte der Kardinal, als sie das Kloster verließen und  zurück in ihr gegenwärtiges Zuhause schlenderten. Auf der Terasse saßen sie noch eine Zeitlang schweigend und betrachteten den Atlantik. Konrad schaute nach oben und entdeckte den Sternenhimmel. „Der Mond dort oben, wir können ihn gut sehen, und er schaut uns nun zu.“ „Nein, eben nicht, du Kind, das tut er nicht.“

 
  1. Kind und Tod (2)

„Konrad, ich weiß, dass du kein Kind bist, aber eben hast du wie ein Kind gesprochen, ein Kind, das wie viele kleine Kinder glaubt, der Mond (oder ein anderer toter Gegenstand) lebt. Der Mond kann nicht durch das Fenster hineinschauen. Das ist magisches Denken und Wünschen. Offensichtlich brauchen Kinder wie Erwachsene den Glauben an die Magie, wie Freud übrigens auch.“ – „Freud, der doch nicht!“ – „Doch auch Freud. Bleiben wir bei dir oder dem Denken von Kindern über den Tod.“- „Von mir aus“. – „Von mir aus – gerne?“ – „Nicht unbedingt gerne, aber es scheint jetzt sinnvoll zu sein.  Vermutlich habe ich den Gedanken damals verleugnet, aber es scheint nun der kairos gekommen  zu sein, diesen Teil meiner Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich kann mir vorstellen, dass es bei mir noch viele „Baustellen“ gibt.“ Viktor nickte. „Ja neben dem Thema Tod die Themen Freude, unbeschwerter Eros  und dein Gottesglaube.“ – „Nein! Um Gotteswillen! Bleiben wir zunächst bitte beim Thema Kind und Tod. Mich interessiert, wie es einem Kind gelingen soll, eine Beziehung zum Thema Tod zu finden.“ – „Jedes Kind hat doch schon eine Beziehung zum Tod; es denkt über den Tod nach, fürchtet sich vor ihm, hat eine gewisse Neugier, hat vielleicht schon einmal eine tote überfahrene Katze gesehen und baut magische Mechanismen auf, um eine Art Abwehr zu errichten .Erinnere dich doch an deine Kindheit zum Beispiel beim Karneval in Köln, das Ballern mit einer Spielzeugpistole.“ – „Ja, jetzt erinnere ich mich: ich habe mit der Zündplätzchenpistole auf einen Indianer oder Cowboy geschossen  und dann geschrien: Ich habe dich erwischt; du bist jetzt tot!“ – „Und wenn du jetzt daran denkst, was glaubst du, was du damals empfunden hast?“ – „Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, was ich jetzt empfinde, nämlich, dass ich damals schon eine Ahnung von der Tatsache des Todes hatte.“ – „Und heute, verleugnest du die Tatsache des Todes?“ Der Kardinal schwieg. Schließlich sagte er: „Als mein geliebtes Köln damals in Schutt und Asche gelegt wurde, da wußte ich, dass unter den eingestürzten Häusern Menschen lagen, die ihr Leben verloren hatten.“ – „Wie alt warst du damals? – „Fünf Jahre.“ – „Schon damals also konntest du unterscheiden zwischen dir selbst und deiner Umgebung.“ – „Ich hatte Angst vor dem Nichts, vermute ich“, antwortete der Kardinal. „Noch heute bin ich fasziniert von Zauberern, die Gegenstände verschwinden und wieder auftauchen lassen können“, ergänzte er seinen letzten Satz. Er fuhr fort: „Weißt du,lieber Viktor, dass ich mich an einen meiner ersten Kindheits-Sätze erinnern kann – vielleicht, weil er so oft in meiner Anwesenheit zitiert wurde: „Alles ist weg!“ – „Du meinst das Essen, das weg ist“.- „Nein, wenn der Stöpsel der Badewanne gezogen wurde oder mein Kot im Klo nach der Spülung verschwand.“ – „Empfindest du jetzt diesen Gedanken mit der Badewanne als Bedrohung? Bestimmt nicht. Schon damals hast du also gelernt, dass der Tod, das Nicht – Sein, keine Bedrohung ist, sondern zum Sein gehört.