Freitag, 12. Oktober 2012

.. Kapitel 6-16


6. Der Kardinal und der Tod (1)

 „Was denkst du über den Tod? Und was hast du als Kind über den Tod gedacht? Welche Erfahrungen hast du damals mit dem Tod gemacht?“ fragte Viktor. „Über meine Kindheit möchte ich lieber nicht sprechen, abgesehen davon, dass mir derTod in frühen Jahren kein sonderliches Thema war. Ich habe mich mit dem Tod damals nicht beschäftigt“, antwortete der Kardinal. „Das glaube ich nicht, denn du hast  doch deine Eltern verloren“. _ „Ja, sie sind verschwunden, aber zur damaligen Zeit waren sie vemutlich  nicht gestorben; vielleicht sind sie jetzt tot. Ich weiß es nicht, will es auch nicht wissen.“ – „Nun, dann sind sie mitten im Leben gestorben, aber dem Tod bist du als Kind auf andere Weise begegnet, dessen bin ich sicher.“ – „Wie kannst du dir sicher sein?“ – „Nun, jedes Kind begegnet dem Tod, nicht unbedingt dem Tod eines Elternteiles oder von Opa und Oma, aber ein Haustier könnte sterben, du siehst einen toten Wurm oder die Katze bringt eine getötete Maus...“ Der Kardinal schwieg und antworetet dann: „Ja, du hast Recht, Vikor, einmal brachte eine Katze eine tote Maus und legte sie vor die Tür des Priors, unseres Bilogielehrers. Er zeigte sie uns, sezierte sie sogar, um uns etwas zu demonstrieren. Ich war erschrocken, daran erinnere ich mich.  Laß uns aber jetzt das Thema beenden, es macht mir Angst und keine Hoffnung.“ – „Ich soll also nicht kratzen, wo es nicht juckt“; meinte Viktor. Der Kardinal überlegte und nickte dann. Viktor fuhr fort: „Das würde allerdings bedeuten, dass wir uns vom Thema deiner Heilung weit entfernen, denn der Tod ist das Thema Nummer 1 jeder Angst und damit auch dein Thema.“ Der Kardinal schwieg eine gute Zeit und meinte dann mit Resignation in der Stimme: „Nun gut, wenn es denn sein muß“. – „Wer sich dem Gedanken an den Tod freiwillig stellt, der findet den wahren Geschmack am Leben, sagte Seneca.“



7. Der Geschmack des Lebens

„Das mit dem „Geschmack am Leben“ habe ich ich noch nicht richtig verstanden,“  meinte der Kardinal. „Von Geburt an bist du auf dem Weg in den Tod. Das ist die Physik des Lebens.“ –„Bewußt zu leben, Geschmack am eigenen Leben zu finden im Wissen um den Tod ,ist ein Wissen, das köstlich ist, weil du dann nicht mitten im Leben stirbst, sondern erst dann, wenn dein Leben zu Ende gegangen ist. Sich dem Leben, dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Liebe zu widmen, verhindert, dass Menschen sich im Namen Gottes töten.“- „Gott hat mit dem Töten nichts zu tun!“ – „O doch. In  Gottes Namen und auf seine Intitiative hin sind Milliardden von Menschen getötet worden, frührer und heute.“ – „Gott hat das Gebot verpflichtend gemacht, dass wir nicht töten dürfen.“ – „Das mag für die Juden untereinander gelten, aber schon die Nachbarvölker die Kanaanitäter wurden in seinem Namen brutal abgeschlachtet, Frauen wie Kinder und nicht nur Männer.“ – „Das glaube ich nicht.“ –„So steht es in der Bibel im Buch Josua. oder lies Michel Onfray*, Die einen sagen über sein kluges Buch, es sei ein Pamphlet, vielleicht wirst auch du es sagen; ich sage: es ist ein Geschenk auf den Weg, Geschmack am Leben zu finden.“ – „Ich will jetzt nicht mit dir über Gott reden!“ – „Nun gut, jetzt nicht. Über was sollen wir dann reden?“ – „Über das, was du den Geschmack des Lebens nennst.“ – „Also doch über Gott.“

„Mit dem „Geschmack des Lebens“ meine ic h. Das würde ich mit dem Begriff „Gott“ umschreiben. Dazu mußt du dich in deiner Gänze bejahen, wie James Bugental schon vor Jahren in seinen fünf Postulaten forderte.“ – „Was ist damit gemeint?“ – „Nun, du bist mehr als nur eine Teilfunktion, zum Beispiel Kardinal. Du bist auch Mann, bist Sehender, bist bewußter Konsument von Mahlzeiten und Büchern. Vor allem hast du Wahlmöglichkeiten. Du hast immer eine Wahlmöglichkeit, du mußt dann lernen, das, was du nicht gewählt hast,mit den möglichen Konsequenzen zu ertragen...“ – „Also wenn ich mich entscheide, kein Kardinal mehr zu sein, dann muß ich die Folgen meiner Wahl ertragen?“- „So ist es, denn jeder Mensch, auch du also, hat Zukunft und das bedeutet: Zweck zu haben, Werte zu besitzen, Sinn zu suchen., eine Wahlmöglichkeit zu haben und Entscheidungen zu treffen.““

8.  Wer bin ich?

„“Viktor, wer bin ich?“ – „Diese Frage kann ich nur dann als dein Therapeut beantworten, wenn ich deine private Welt, dein Werden, besser kenne.“ Der Kardinal schwieg und sprach dann langsam weiter: „Ja, das ist mein Problem: ich weiß vieles von mir, dem armen Konrad, nicht. Ich kann mich an nichts von früher erinnern, so sehr ich mich auch bemühe. Es scheint mir so zu gehen, wie jenem Mann, der mitten in der Nacht nach einem verlorenen Schlüssel suchte und zwar überall auf dem dunklen Weg, wo er ihn fallen ließ, aber wohl unter einer Laterne, wo das Licht besser ist, wo er aber den Schlüssel garantiert  nicht verloren hatte.“- „Dann laß uns einmal versuchen, gemeinsam im Dunklen zu suchen, wo du den Schlüssel wirklich verloren hast. Wir müssen noch einmal versuchen, uns dem Thema Tod und Kindheit zu nähern. “ – „Ich will aber nicht. Ich kann mich nicht an viel erinnern.“ – „Konrad, ich bin dein Therapeut. Ich will dir Hoffnung machen, ich will durch das Thema Tod die Hoffnung nicht zerstören. Das Thema Tod ist immer präsent und war es auch in deiner  Kindheit.“ – „Das Thema Tod macht mir Angst.“ – „Ja, so ist es, es ist wahrlich natürlich,dassTod und Angst zusammengehören. Montaigne behauptet sogar, dass uns die Idee des Todes retten kann.“ – „Das verstehe ich nicht.“ – „Ich möchte dir gerne beweisen, dass wir nur dann gut und wertvoll leben können, wenn wir den Tod akzeptieren. Wenn Tolstoi sagt, das Iwan Illich schlimm gestorben ist, weil er schlimm gelebt hat, dann gilt doch auch der Umkehrschluß, dass er gut gestorben wäre, wenn er gut gelebt hätte.“ -  „Ich bekomme die Krise, lass uns für heute aufhören.“ „Ja, wenn du willst, aber nimmt die Erkenntnis mit, dass das chinesische Piktogram für „Krise“ „Gefahr“ und auch „Gelegenheit“ bedeutet. Dazu möchte ich dir eine Begegenheit von früher erzählen.
9. Peter-Josua und die Überwindung der Todesangst

„Einmal durfte ich erleben wie jemand, der mir wähend meines Studiums sehr nahe stand, eine Krise, seinen Krebs, überwand. Er hieß Peter, aber wir nannten ihn Joshua, weil er alles über Jesus wußte oder zu wissen glaubte.. Peter-Joshua erzählte mir während einer kleinen privaten Feier, dass er seinen Krebs und seine Todesangst überwunden habe und sogar dadurch gewachsen sei. Er sei entscheidungsfreudiger geworden, habe den Spruch „Carpe diem“ für sich umgewandelt in: carpe momentum, er sei für die kleinen Dinge im Leben, Farben, Form, Geräusche, Begegnungen empfänglicherr geworden und habe die Liebe zu einem anderen Menschen gefunden, eine tiefe und beglückende Sexualität. Danach seien seine Ängste verschwunden, auch die Angst vor dem Tod. Er habe bewußt das Risiko gesucht. Er starb dann tatsächlich bei einer Klettertour in den Alpen. Tötlicher Sturz“ schloß der Kardinal. Viktor schwieg. „Sag etwas dazu“, forderte ihn der Kardinal auf. „Also auch du hattest eine Begegnung mit dem Tod“, sagte Viktor.“Wer denn nicht, Duzende sind gestorben während meiner Zeit als Priester, auch Bischofskollegen, aber kein Tod hat mich so sehr betroffen gemacht, wie der von Peter-Joshua“- „Warum hat er dich so betroffen gemacht, der Tod von Peter-Joshua?“ – „Vielleicht, weil mir zum ersten Mal in meinem Leben bewußt wurde, dass ich ihm irgendwann einmal ganz allein gegenübertreten muß. Ich habe Angst, dann zu versagen.“- „Wenn du jetzt an den Tod von Peter denkst, was geschieht dann in dir?“ – „Ich würde viel darum geben, wenn ich den Tod, nicht nur den von Peter, jetzt verdrängen könnte.. – „Tu’s nicht. Verdrängen kostet viel Lebensenergie.“ – „Ich will’s versuchen, aber der Tod bedeutet, dass ich verloren bin. Ich habe keine Nachkommen, in denen ich weiterlebe, ich verliere meine religiöse Feste im Glauben, weil ich mich von der Kirche entferne, hinterlasse kein künstlerisches Werk, in welchem ich weiterleben könnte. Mein Tod wäre ohne Bedeutung.“ – „Wovor hast du Angst Konrad?  Vor dem eventuellen Schmerz beim Sterben? Dass deine Pläne und Ideen sich nicht mehr verwirklichen können? Dass du jemandem Kummer verursachst?“ – „Da ist niemand, der wirklich um mich trauern würde.“ – „Doch, Konrad, lieber guter Mann, ich bin da. Ich wäre sehr traurig.“
                                                   

10. Woher die Angst kommt

„Viktor, und woher kommt die Angst? Ich meine, seit wann sprechen wir von Angst?“ – „Das weiß ich nicht genau, vielleicht kann es auch gar nicht genau definiert werden. Ich vermute: Menschen hatten immer Angst, und sei es vor einem heftigen Gewitter. Irgendwann haben Menschen dann entdeckt, dass ein Gewitter eine Naturerscheinung ist und kein Ergebnis von ohnmächtig machenden Gotteszorn.Die Menschen wurden klüger, sahen sich selbst als Schöpfer der Existenz, entdeckten auch den eigenen Willen – und entdeckten dann auch, dass Furcht etwas anderes ist als die Angst, entdeckten, dass man/frau die Furcht mit der Vernunft besiegbar ist, dass Furcht mit Hoffnung verbunden ist und die Angst eben nicht, weil sie nicht natürlich ist, sondern pathologisch ist, krank. Spinoza schreibt, dass auch Angst und nicht nur die Furcht auf einem Mangel an Erkenntnissen beruht und ein Zeichen von Schwäche ist.“ – „Also kann man, kann ich die Furcht und die Angst mit der  Willensstärke besiegen?“ – „Die Furcht auf jenden Fall, bei der Angst bin ich nicht so sicher. Spinoza meint auch eher die Furcht und nicht die Angst.“ – „Viktor, noch einmal, woher kommt die Angst?“ – „Ich glaube, sie kommt aus der Einsamkeit, der Isolation. Wer sich frei entscheiden kann und in guter Gemeinschaft lebt sowie selbstverantwortlich ist, der ist auch fern der Angst.“ – „Und wenn der Mensch in Unfreiheit lebt, isoliert ist und es ablehnt, selbstverantwortlich zu sein, der ist also dann von der Angst bedroht?“  - „Vermutlich ja. Da du,  lieber Konrad, gegenwärtig frei bist und selbstverantwortlich lebst,  ist die Angst kein Lebensthema für dich.“- „Doch, sowohl die Furcht wie die Angst.“

11. Furcht ist nicht Angst

Sie saßen noch in der Nacht zusammen. „ Wir beide, es ist wie damals in der Nacht: Peter-Josua und ich, als er sich öffnete“, sagte der Kardinal. „Nur dass ich damals nicht den Mut hatte, ihn zu fragen, wie er seine Angst erlebt und dann bewätigt hatte. Was soll ich tun oder lassen?“ – „Du solltest die beiden Worte „Furcht“ und „Angst“ nicht gleichsetzen. Kierkegaard hat uns schon vor über 100 Jahren vermittet, dass Furcht sich auf eine Sache oder eine Person bezieht, Angst dann eben vor keiner Sache oder Person.“ – „Also vor dem Nichts?“ – „Ja, genau so hat es der großartige Däne geschrieben: vor den Nichts, das mit dir als lebendiges Individuum nichts zu tun hat.“ – „Und wie soll ich die Angst vor dem Nichts bekämpfen?“ – „Damit sie zu einer Furcht wird, die du als Sache oder Person bekämpfen kannst?“ - Der Karinal nickte. „Nun, indem du sie von nichts zu etwas verlagerst, wie Yalom schreibt oder wie es auch Rollo May empfiehlt.“ – „Ich habe Angst vor meiner Hilflosigkeit. Wie soll ich meine Hilflosigkeit in eine Furcht verwandeln können?“ – „Du könntest Strategien entwickeln, das was du fürchtest zu vermeiden oder Verbündete suchen oder ein Ritual entwickeln, um dich von ihr zu säubern, sie zum Beispiel ausräuchern oder sie verleugnen, sie sublimieren. „ – „Ich möchte fliehen, aber wohin?“ – „Die Angst wird dich begleiten.“ – „Du meinst, ich brauche einen anderen Begleiter?“ – „Ja, eine gute Frau zum Beispiel.“ – „Und dann würde mir die Angst nichts mehr bedeuten?“ – „ Ja, vielleicht.“ – „Aber der Tod wird bleiben? – „Natürlich. Und erneut ein vielleicht: dann würde dir irgendwann der Tod nichts mehr bedeuten, wie Lukrez von 2000 Jahren bereits schrieb. Dann bist du frei, wenn du so denken kannst.“ – „Manchmal träume ich von einer Frau, die ich geliebt habe, die mich verlassen hat. Und dann träumte ich, dass ich sie immer noch liebe und begehre. Dann fühle ich mich im Traum wohl. Sie existiert im Traum einfach weiter.“ – „Das ist ein guter Schritt in Richung Angstbewältigung und dem Verlust der Todesangst.“


12.   Die Furcht, die Angst, Rumpelstilzchen und der Tod

„Ich habe einmal ein Gedicht geschrieben“, begann Viktor. „Es lautet: Je näher du dem Ziel kommst, desto eher entdeckst du, dass du gar nicht ankommen willst.“ -„Ich habe eine ähnliche Angst, vielleicht eine gegensätzliche: Ich habe Angst zu versagen und deshalb kann ich nicht zum Beispiel mit einer Predigt fertig werden. Ich habe angefangen, ein Bild zu malen und habe viele andere Entwürfe für neue Bilder im Kopf. Aber ich kann das erste einfach nicht fertiggestalten.“ – „Fang ein neues und ein drittes an!“ – „Das kann ich nicht.“ – „Noch nicht. Es würde deine Todesangst mildern, wie Joyce schreibt.“ – „Meine Angst, meine Todesangst, wird mich ein Leben lang begleiten.“  - „Stimmt, aber auf keinen Fall länger.“ –„Mach dich nicht bei diesem Thema lustig über mich!   Hilf mir lieber, diese Angst zu verlieren. Was soll ich machen?“- Nun, wenn Angst dich bedroht, weil du dich vor der Hilflosigkeit fürchtest, dann mach die Angst zu einer Furcht, damit sie von einem Unbestimmten zu etwas Konkretem wird. Dann kannst du das, was du konkret fürchtest, vermeiden, Verbündete suchen oder kämpfen, weil du einen Gegner hast.“- „Viktor, ich verstehe dich nicht.“ – Dann will ich es an einem Beispiel versuchen. Du kennst das Märchen vom Rumpelstilzchen. Der Bösewicht war nur so lange bedrohlich, als man seinen Namen nicht aussprechen konnte. Als das aber gelang, da war die Gefahr gebannt.“ - „ Jetzt verstehe ich dich, aber ich habe immer noch Angst. Mitlerweile traue ich mich noch nicht einmal, in einen Fahrstuhl zu steigen. Ich habe Angst, dass ich verfolgt, beobachtet, belauscht werde.“ – „Konrad, zweifelsohne ist die Welt gefährlich, besonders, wenn du keine Heimat hast. Kein Ort, nirgendwo. Aber das stimmt nicht. Hier bei mir bist du zu Hause, wenigstens in den Zeiten unserer Gespräche.“ – „Hilf mir, bitte!“ – „Vielleicht hilft dir der Satz von Kierkegaard, dass ein Wagnis Angst hervorruft, aber nichts zu wagen bedeutet den Verlust deiner selbst oder den Satz von Lukrez: „Wo du bist, ist der Tod nicht; wo der Tod ist, bist du nicht“. Also muß dir der Tod nichts bedeuten.“ – „Wenn ich sterbe, wer wird um mich trauern, wer außer du?“

 3. Die Angst vor dem Versagen

„Ich habe Angst vor dem Versagen. Ich habe vor so vielem Angst, mittlerweile auch vor dem Fliegen, obwohl ich vor nicht langer Zeit nicht genug davon haben konnte. Starten und Landen waren für mich wonnevolle Ereignisse. Und nun befürchte ich, dass du und ich unsere geplante Reise nach Tenriffa nicht antreten können, weil ich so viel Angst habe...“ – „Vor dem Versagen?“ – „Sagte ich doch: ich habe Angst vor dem Versagen“ – „Nur nebenbei: du fliegst die Maschine nicht, ein anderer könnte versagen.“ – „Das weiß ich selber, ändert aber nichts an meiner Angst.“ – „Yalom berichtet von einer Frau, die genau deine Worte benutzte, weil sie Angst vor dem Versagen hatte. Die Frau, ähnlich wie du, hatte eine lange Erfolgskarriere hinter sich und glaubte nun, dass der Erfolg ein Ende habe, weil keine neuen Ziele mehr da sind....“ –„Wie bei mir...“ – „Nein eben nicht wie bei dir. Du hast Ziele, zum Beispiel das Zusammenleben, das intime und auch sexuelle Zusammenleben mit einer Frau.“  -„ Du kommst immer wieder auf  dieses Thema zurück. Das ist doch nicht vergleichbar mit dem Stichwort „Karriereleiter“! Meine katholische Karriere ist zu Ende. Ich kann nichts mehr werden.“ -“Du könntest Papst werden oder sogar Gott.“ – „Mach keine Späße mit Gott!“ – „Nun ja, einer unserer Jungs hat es bereits geschafft“, erzählt ein jüdischer Witz. Aber bleiben wir zunächst einmal beim Stichwort “Angst vor dem Versagen“. In dir ist er große Wunsch, geliebt zu werden, zu verschmelzen und als Kardinal berühmt in die Ewigkeit einzugehen. Beides ist möglich und erreichbar: die Liebe und das Berühmtsein, weil es meines Wissens seit Jahrzehnen keinen Kardinal gab, der um der Liebe willen einfach aufhörte Kardinal im Amt zu sein.“ Der Kardinal schüttelte den Kopf. „Ich habe Angst, erneut zu versagen. Sei’s drum! Komm, ruf im Reisebüro an und buche die Reise nach Teneriffa.“- „Gerne, dort können wir eine Woche lang spazierengehen, reden, schweigen, genießen, uns des Lebens erfreuen und dessen Sinn erkunden.“

  1. Auf Teneriffa (1): Der Kiefernwald von Aguamansa

Viktor zeigte dem Kardinal die Orgelpfeifen (Los Organos) und erklärte: „Diese Felsformation hatte keine Wahl. Der Vulkan hat sie aus dem Meer nach oben gedrückt und so eindrucksvoll geformt. Los Organos unterscheiden sich gewaltig von dir, denn du hast, so lange du lebst, eine Wahl: Sich eine Geliebte zu suchen oder nicht, Kardinal  und im Amt zu bleiben oder eben nicht.Triff eine Wahl, um dem Druck und der Angst zu entkommen. Die Entscheidung, keine Wahl zu treffen, wird dir letztendlich schaden“. – „Darüber möchte ich jetzt mit dir nicht reden. Meine Frage lautet hier in dieser wahrlich schönen Umgebung: warum wird meine Angst sozusagen von Tag zu Tag größer?“ – „Ich will dich nicht provozieren, lieber Freund, aber es liegt auch daran, dass du dich nicht entscheiden willst...“ -...“kann“ ergänzte der Kardinal. „Von mir aus: kannst, Um deine Frage nach dem warum zu beantworten: vielleicht liegt es an einem Urerlebnis aus deiner Jugend. Menschen, die ein oder beide Elternteile durch den Tod oder ein Verschwinden der Eltern verloren haben, sind stärker von der Angst gebeutelt als andere.“ – „Mag sein, aber was soll ich gegen diese Todesangst tun?“ – „Wenn sie kommt, dann nimm sie wahr, begrüße sie mit den Worten: Angst, du bist da, aber du bist mir jetzt nicht willkommen. Verdräng sie nicht! Registriere sie und verabschiede dich bewußt von ihr.“ – „Ich soll sie verdrängen?“ – „Eben nicht.  Verdrängen würde bedeuten, dass du ihr eine Macht in deinem Unterbewußten oder Unbewußten gibst. Statt verdrängen würde ich lieber sagen: wahrnehmen und auf einen anderen Zeitpunkt verschieben. Aktiviere deine Lebensenergien, dein Sehen und Riechen. Schau dir die Kiefern an auf diesem wundersamen Weg hinunter nach Aguamansa, die Flechten in den Kiefern, welche die Aufnahmefähigkeit für das Anzapfen der Passatwole in der Nacht vergrößern, eben weil sie die Oberfläche der Kiefer vergrößern.“

Sie erreichten eine kleine Schutzhütte. „Laß uns pausieren, eine kanarische Banane essen und etwas von dem wunderbaren Wasser trinken, das ich eben aus der Wasserleitung entnommen habe. Das Wasser kommt von oben, ist tausende von Jahren alt. Teneriffa hat nämlich kein Grundwasser, ein Wasser, welches  bei uns in Deutschland  oft verschmutzt ist.“

15. In der Schutzhütte „El Tope“

Es hatte zu regnen begonnen. „Da haben wir aber Glück gehabt, jetzt ein Dach über dem Kopf zu finden“, sagte der Kardinal und ergänzte: „Und ich dachte, hier würde immer die Sonne scheinen!“ – „Es wäre nicht so grün hier im Norden der Insel, gäbe es den Regen nicht. Abgesehen von der Feuchtigkeit, ist der Regen hier in dieser klaren Luft wunderbar für Haut und Haare. Und was deine Todesangst betrifft: wenn du dich den Lebensaktivitäten verschließt, wirst du mehr und mehr Todesangst bekommen. Je mehr du dich fürchtest, desto mehr besteht die Gefahr, neurotisch zu werden.“ – „Und was bedeuten deine Worte?“ – „Nimm den Gedanken des Todes mit in dein Leben, verdränge den Gedanken nicht, such dir einen Lebenszweck, einen Lebenssinn, um authentisch zu leben, als Konrad und nicht als ein fliehender Kardinal.“ – „Ich soll vor meiner Todesfurcht fliehen?“ – „Nein, nicht fliehen, sondern den Tod als Lebenspartner willkommen heißen, ihn registrieren und dann ihm mitteilen, dass du ihn bemerkt hast, aber ihn jetzt wegen deiner Aktivitäten nicht brauchst, weil er jetzt stört.“ – „Ich soll ihn also verleugnen?“ – „Genau das nicht!.“

Sie schwiegen. Der Regen hatte aufgehört. Sie standen auf, von der Sonne umschmeichelt. „Dahinten, sieh, der Teide. Wir werden auch dort einen Spaziergang machen. Nun laß uns hinter der Hütte links den Weg runtergehen in die Kulturlandschaft. Aber gib acht! Der Weg ist für ein kleines Stück steil und vom Regenwasser zerfurcht. Wenn wir dann links abgeboen sind, nachdem wir  das Teilstück hinter uns gebracht haben, können wir auf dem ebenen Waldpfad weiterreden.